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Osterbrief an Freunde

Guten Morgen,

bei uns in Hamburg ist das Wetter in den vergangenen Tagen wirklich sehr schön. Meinem Mann und mir geht es gut. Vormittags gehe ich – wie meist – spazieren und sitze öfter mit einem Kaffee in der Hand auf einer Bank vor unserem kleinen S-Bahnhof. Dort gibt es eine norddeutsche Bäckerei „Dat Backhus“, Starbuck’s und acht Holzbänke in einem guten Abstand.

Auch einige Tauben gibt es dort. Ihr Rundflug über diesem kleinen Bahnhofsplatz in der Sonne unter blauem Himmel erinnert mich an den Marcusplatz in Venedig. Dies ist mein Marcusplatz. Es ist Frühling. Die Taubenmännchen versuchen, die Weibchen zu umgarnen, sind ihnen dicht auf den Fersen mit aufgeplustertem Gefieder und gurren verführerisch. Die Taubendamen verhalten sich „cool“ und tänzeln elegant ihren Weg entlang. Wenn die Männchen zu aufdringlich werden, fliegen sie auf – das eine oder andere Mal gefolgt von einem in Liebe entbrannten Männchen.

Mir macht das mit Jesus wie jedes Jahr zu schaffen. Jesus kann man nur lieben, ehren und gern haben. Aber was sie mit ihm gemacht haben oder gemacht haben sollen, das würgt mich gerade wieder – wie schon zu meiner Kindheit. Da hilft auch keine noch so eloquente Rhetorik über Dreieinigkeit und dass der Vater seinen Sohn für unsere Sünden geopfert haben soll und uns dadurch vergeben wurde. Auch wenn er wieder auferstanden ist – ich empfinde das als schlimm. Diese Schmerzen, diese Grausamkeit…

Es gab in der Aufklärung Romane, die Europa mit den Augen eines edlen Wilden betrachteten. Dieser edle Wilde war auch verherrlicht, was aber immerhin einen Ausgleich bildete zu manchen Ansichten in Europa. Der edle Wilde schrieb dann beispielsweise nach Hause, dass die Menschen in Europa sich seltsam verhielten. Sie träfen sich gemeinsam in einer großen prächtigen Halle. Dort hinge die Skulptur eines Mannes mit einer Dornenkrone blutend an ein Kreuz genagelt. Sie nähmen sogar ihre kleinen Kinder mit dorthin und muteten diesen zu, dies grausame Bild anzusehen. Dann gar tränken sie symbolisch das Blut dieses Mannes und äßen dessen Fleisch. Waren die Europäer etwa Kannibalen?

Ja, mir macht es zu schaffen, dass Jesus gekreuzigt worden sein soll nach offizieller Lesart. Es wäre mir lieber, wenn das nicht passiert wäre. Warum soll ein Sohn Gottes so leiden? Warum müssen wir als Kinder Gottes oft leiden? Warum sollen wir als Menschen schuldig geworden sein an Gottes Sohn und dadurch, dass er das auf sich genommen hat, ist mir vergeben? Wie kann eine so schreckliche Tat die Grundlage der christlichen Vergebung sein?

Ok! Wir erkennen die Macht Gottes und des Glaubens an der Wiederauferstehung.

Und trotzdem: Mir wäre es meinem Empfinden nach lieber, wenn die Geschichte sich anders entwickelt hätte. Dies ist einfach ein Empfinden. Auch wenn mein Verstand die Argumentationen begreift, gibt es in mir ein Nein zu solcher Grausamkeit.

Dennoch werde ich seiner gedenken an Ostern und ganz heidnisch Ostereier essen. Betrübt sein heute über Verrat und morgen über Grausamkeit, mich bald an  Wiederauferstehung freuen und hoffen, dass unser zum Stillstand gekommenes öffentliche Leben auch bald wieder im Gesunden aufersteht. Vielleicht ein wenig liebevoller, lichtvoller und freundlicher als zuvor.

Frohe Ostern wünscht Ihnen allen

Ihre Sandra

 

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