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Neutralität in stürmischen Zeiten

Die Wogen schlagen hoch zurzeit. Die Infektionszahlen im Land sind gesunken, es geht um weitere Lockerungen in unserer Gesellschaft. Eigentlich könnten wir einigermaßen zufrieden sein. Die Vorsichtsmaßnahmen haben uns bisher dramatischere Szenarien erspart, mit denen andere Länder kämpfen. Die Wirtschaft ist weltweit auf Talfahrt, von einigen Branchen abgesehen.

Die Zeit der Einschränkungen war und ist für viele Menschen anstrengend und belastend. Homeoffice mit Kindern in einer kleinen Wohnung, Existenz- und Jobsorgen. Das ist alles nicht leicht. Aber ich möchte doch sagen, wir befinden uns im Vergleich zur übrigen Welt auf sehr hohem Niveau.

Es scheint, dass das vielen von uns nicht wirklich bewusst ist, sonst wären wir vielleicht ein Stück weit bescheidener. Das Infektionsrisiko geht nicht weg, indem wir mehr und mehr Forderungen stellen. Es ist immer noch da.

Ist es wirklich so schlimm für einen Zeitraum zu verzichten? Viele Millionen Menschen auf der Erde leben dicht an dicht auf engstem Raum. In asiatischen Ballungszentren hat man Wege entwickelt, damit umzugehen. Haben wir wirklich erwartet, dass es in unserem Menschenleben zu keinen Rückschlägen kommen wird? Sind wir vielleicht zu verwöhnt?

Einige Menschen scheinen ihre Mitte zu verlieren und positionieren sich jetzt drastischer in die eine oder andere Richtung. Nehmen wir als Beispiel Impfgegner und Impfbefürworter. Beide Seiten haben Argumente für ihre Meinung. Die einen sehen die Gefahr, dass Millionen Menschen sterben könnten; die anderen wollen keinen Stoff zwangsverabreicht bekommen, der massive Nebenwirkungen haben könnte.

Dabei gibt es noch gar keinen Impfstoff, und die Regierung sagt zumindest, dass es keine Impfpflicht geben solle. Wenn beide Seiten sich verfestigen und sich Sorgen machen und aufregen, ist zumindest eines sicher: Sie schwächen ihre Lebenskraft und verdüstern vielleicht Jahre ihres Lebens. Vielleicht sterben sie an der Aufregung, noch bevor es überhaupt einen Impfstoff gibt…

Diese für viele Menschen erste wirkliche äußere kollektive Krise in ihrem Leben polarisiert. Es ist, als ob das Meer Wogen schlägt und aus der Tiefe Urängste hervor brodeln. Menschen verlieren ihre Mitte. Dabei liegen die Gründe für ihre Emotionen und Gedankengänge meist ganz woanders. Dies gilt für Protestierende genauso wie für die scheinbar Überlegten. Es wäre bestimmt förderlicher, dort hinzuschauen als das Geschehen als ein Ventil für unerledigte Dinge zu nutzen.

Wenn Menschen ihre Mitte verlieren, verlieren sie ihre menschliche Kraft und Stärke. Dies zurzeit wahrzunehmen, ist traurig. Im Gegeneinander verlieren alle. Was kann jeder einzelne tun? Sich selbst stärken, zu schauen, was im eigenen Leben hoch kocht und sich gerade jetzt in Neutralität zu üben.

Ist es nicht eher irgendein Verlust, irgendein Zorn, irgendeine Wut, die mehr mit dem individuellen Leben zu tun hat und die wir aufs Äußere projizieren, wenn wir in extremen Protest verfallen?  Spinnen wir vielleicht eine unerledigte Familiengeschichte weiter oder wiederholen Karma?

Und wenn wir Obrigkeitspositionen inne haben: Sind wir vielleicht nicht auch geprägt von vergangenen Geschehnissen unseres Lebens, die dazu geführt haben, eine möglichst unangreifbare Machtposition anzustreben? Weil wir meinen, mit Anordnungen einer schwierigen Lage Herr zu werden, damit wir nie wieder inneres oder äußeres Chaos erleben müssen?

Und wird bei Gedanken an Verschwörungen nicht vielleicht durch ein übergroßes Glas geschaut? Fühlen wir uns sicher und auch ein wenig überlegen in einer verschworenen Gemeinschaft, die als einzige genau weiß, was wirklich vor sich geht? Während alle anderen Menschen dumm und unwissend sind?

Neutralität und Rücksicht gegenüber den Mitmenschen sind, so meine ich, hilfreiche Ratgeber in diesen Zeiten. Und vielleicht auch Bescheidenheit in unserem Land.

Ja, es kann sein, dass jetzt einige Auswüchse unserer Wohlstandsgesellschaft gekappt werden. Dass es einige jetzt hart trifft, tut mir sehr leid. Aber wieviele aufwendige oder edle minimalistische Luxusrestaurants braucht die Gesellschaft wirklich? Wieviel Mode? Wieviele Automarken? Ich denke an einen asiatischen Mann, der vor langer Zeit einmal zu mir gesagt hat, dass ein Mantel zum Wärmen gegen Kälte dient.

Wenn wir ehrlich sind, haben wir hier nurmehr selten an die existentiellen Notwendigkeiten gedacht. Vielleicht ist diese Krise ein Weckruf, es besser zu machen. Aber das geht nur, wenn wir in unserer Mitte bleiben. Das wünsche ich Ihnen von Herzen.

In diesem Sinne einen guten Tag!

Ihre Sandra

 

 

 

 

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