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Gefühlswelten in Deutschland und anderwo

Gestern schrieb ich unter anderem über den gesunden Umgang mit Gefühlen. Gerade in Deutschland finde ich es wichtig, dies öfter anzusprechen, damit die Menschen in unserem Land mehr und mehr gesunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat durch die zu verantwortenden Grauen eine Abspaltung von Gefühlen stattgefunden. Die Schrecknisse, die von diesem Land ausgingen, sind einfach zu groß gewesen, um sich ihnen zu stellen. Eine „Unfähigkeit, zu trauern“ stellte sich ein – im Übrigen ein interessantes Buch von Alexander und Margarete Mitscherlich. Man konzentrierte sich auf den Wiederaufbau des Landes.

Viele Menschen schienen irgendwie gefühlstaub bis kalt. Wenn wir nicht wirklich trauern können, können wir uns auch nicht wirklich freuen. Als junger Mensch habe ich es wesentlich härter formuliert und sagte das eine oder andere Mal, dass viele Menschen in diesem Land an „Gefühlsverkrüppelung“ litten, in diesem Sinne „behindert“ seien. Es schien irgendwie einen Trade-off von Wohlstand für Gefühlsreichtum zu geben.

Heute sehe ich das sehr viel weicher und liebevoller. Deutschland und seine Bürger sind schon einen weiten guten Weg gegangen. Jüngere mögen sich jetzt fragen, warum ich das dann immer noch erwähne. Es ist ja schon sooo lange her und hat mit ihnen nichts zu tun. Eben leider doch!

Wieso betrifft uns das noch heute? Eltern, deren Gefühlsreichtum reduziert war, konnten ihren Kindern nicht erlauben, ihre Gefühle zu leben. So unterdrückten diese Eltern die Gefühle ihrer Kinder, die wiederum Eltern wurden und ihren Kindern kein Kaleidoskop der Gefühle vorleben konnten oder einen Strauß an Gefühlen zuließen.

In Deutschland gab und gibt es dafür viele Gefühlssurrogate, sozusagen Ersatzbefriedigungen für etwas, von dem nicht einmal bewusst ist, dass es fehlt. Eine Freundin sagte vor Jahrzehnten zu mir: Wie willst Du einem Menschen, der nur Schwarzweiß sieht, erklären, was Farbensehen ist. Manche Menschen leben sich triebhaft aus, andere stilisieren egomane Empfindlichkeiten, andere wiederum verdrängen mit Drogen aller Art, übertreiben es mit falschem Mitleiden oder vermenscheln vielleicht Tiere allzusehr…

Deutschland steht damit nicht alleine da. Wo immer Gefühle unterdrückt werden – oder auch vielleicht durch die Umstände bedingt unterdrückt werden mussten, um funktionsfähig zu bleiben und ein Dach über dem Kopf zu bauen, Essen zu beschaffen, Geld zu verdienen – kann das geschehen. Oder auch, weil ein Mensch psychisch ein Hinschauen nicht verkraftet und deshalb andere Gefühle ausklammernde Überlebensstrategien entwickelt…

Dies verändert eine Gesellschaft mehr und stärker über Generationen hinweg, als viele denken. Es ist eben nicht alles vorüber, wenn die direkt betroffene Generation gestorben ist und das Ereignis zeitlich zurückliegt. Mit jeder neuen Generation schwächt sich das Defizit zwar langsam ab, weil es immer einige gibt, die sich auf den Weg machen. Von diesen einigen profitiert die ganze Gesellschaft. Es gibt sozusagen eine kritische Masse von Menschen, die durch ihren Einsatz vieles zum Guten wenden. Ein gutes Beispiel dafür war die Fußballweltmeisterschaft 2014. Aber dennoch ist es auch 2020 noch spürbar, fühlbar und schränkt das Leben ein.

Spirituell gesehen muss irgendwann ein Ausgleich oder eine Erkenntnis erfolgen. Einsicht löscht Karma, heißt es. In der Bibel ist vom „Fluch“ über sieben Generationen die Rede. Das bedeutet, dass die negativen Folgen von Unrecht sich über mehrere Lebensspannen hin fortsetzen. Irgendwer muss sich irgendwann darum kümmern. Es ist unsere Verantwortung, sich um nicht aufgelöste Themen unserer Ahnen zu kümmern, sonst holt die Vergangenheit uns ein. Wenn die Einsicht nicht zur Genüge erfolgt und eine zu geringe Wiedergutmachung geleistet wird, „schlägt“ das Karma irgendwann „zu“.

Mit jedem aufgelösten Thema tun wir uns und unseren Ahnen etwas Gutes. Die Schwingung steigt in Richtung Harmonie an, was uns ermöglicht, auch andere aus der Harmonie gefallene Bereiche leichter zu heilen – wie etwa unser Verhältnis zur Natur, Krankheiten, friedlichen Umgang miteinander…

Die Buddhisten sprechen in ihrer spirituellen Philosophie öfter von Gegenmitteln, um etwas zu heilen. Das Gegenmittel zur Verdrängung und der damit einhergehenden Gefühlsverarmung heißt für mich: Gefühle zulassen, Aufarbeiten, Integrieren. Und damit mitfühlender und lebendiger werden.

Dies geht jeden Einzelnen an heute und morgen. Das ist es, was wir tun können. Auch dies – wie so oft – sanft und nicht gewaltsam, sondern so wie wir es vertragen. Es gibt viele hilfreiche Methoden und Wege, die wir allein oder mithilfe von Therapeuten oder spirituellen Personen anwenden und gehen können. Ich biete zurzeit in meiner Praxis diesbezügliche Termine auch via Skype oder Telefon an. Der Lebensfluss leitet uns, zeigt uns, was gerade anliegt. Das scheinbar so Verborgene befindet sich direkt vor unserer Nase. Wenn wir denn hinschauen und unsere Elfenbeintürme verlassen…

In den vergangenen Jahrzehnten sind schon wieder viele neue Traumaherde auf der Erde entstanden. Wir müssen jedoch  nicht die Last der Erde tragen, die Last aller Länder und Menschen. Wir dürfen dennoch leicht und unbeschwert durchs Leben gehen. Und können frohgemut – auch wenn wir gerade ein trauriges Gefühl zulassen – im Hier und Jetzt Kleinklein unseren Beitrag leisten. Bedenken Sie: Manchmal sind Tränen die Voraussetzung dafür, um endlich wieder richtig lachen zu können.

Spiritualität vereint scheinbar unvereinbare Gegensätze. Im Paradox findet sich Wahrheit.

Wenn wir jeden Tag einen Schritt tun, dann sind das in einem Jahr 365 Schritte. Die spirituellen Wesen, das Göttliche helfen uns bei diesen Übergängen. Wir sind nicht allein. Wenn jeder Mensch seinen Beitrag  leistet, können wir viel bewegen. Ich möchte an dieser Stelle ein bekanntes chinesisches Sprichwort zitieren: Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

Gehen Sie jetzt los! Fangen Sie an! Dies ist eine günstige Zeit für innere Reisen…

 

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