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Es wird herbstlich – Ärger Luft machen

Wochenlang ächzten wir unter der Hitze eines heißen Hochsommers. Wir haben ihn uns herbei gewünscht, um dann genüsslich unter ihm zu leiden. Vorbei! Heute ist der erste herbstliche Tag. Lange dunkle Monate stehen uns bevor im Norden. Nach mediterraner Gangart kommt ein neues Lebensgefühl auf: Nachdenklich, innehaltend, schon rückblickend…

In diesem Sommer habe ich manchmal das Gefühl gehabt, älter zu sein als ich bin. Denn mir fehlt es an Verständnis für einiges. Manches hat mich schlichtweg verärgert. Die Forderungen vieler Mitmenschen in einer Zeit, wo so vieles aus dem Lot ist.

Ist es in Deutschland und Europa etwa ein verbrieftes Recht, jedes Jahr in Urlaub zu fahren? Gibt es gerade nicht etwas Wichtigeres? Können wir nicht einfach einmal da bleiben, wo wir sind und in Ruhe abwarten, wie sich eine Situation entwickelt.

Ich denke gerade an die überhitzten lebenshungrigen 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Da wurde intensiv gelebt, um das Grauen und die Toten des Ersten Weltkriegs zu verdrängen. Ist dies vielleicht so etwas Ähnliches? Oder schwingen diese Zeiten nach und besetzen einen Großteil der Menschen?

Die Infektions- und Todeszahlen steigen weltweit. Hier haben wir im Frühjahr mit so viel Mühe ein Drama klein gehalten. Jetzt beginnt es, sich wieder an uns heranzupirschen. Und das nur, weil wir nicht abwarten, nicht einen Schritt zurücktreten können, nicht einmal ein Jahr lang ein wenig verzichten.

Was für ein Drama ist es, ein bis zwei Jahre oder länger nicht in Urlaub fahren zu können, wenn man in einem Land lebt, in dem Frieden und Wohlstand überwiegen? Was für ein Drama wäre es, wenn Kinder einfach ein Jahr lang einmal nur sehr wenig oder gar nicht in die Schule gingen? Dann wären sie eben einfach ein Jahr später fertig und immer noch jung genug für alles Mögliche.

Oder geht es den berufstätigen Eltern eigentlich vielmehr um ihr Leben, das nur solange gut funktioniert, solange die Kinder den größten Teil des Tages gut sachverwaltet werden. Nach dem Motto: Ich will zwar Kinder haben, aber bitte nicht zu viel Zeit mit ihnen verbringen müssen. Das stört meine Work-Life-Balance. Alles muss perfekt durchorganisiert sein, und wenn das nicht mehr geht, dann ist die Empörung groß. Dabei war vielleicht nur der vorherige Lebensentwurf unrealistisch, passend für eine weichgespülte Lebensfantasie, in der es nie zu größeren Herausforderungen gekommen ist.

Und man spricht laut über mögliche Traumata der Kinder hier wegen der Einschränkungen. Kinder aus Kriegsgebieten sind bestimmt stärker traumatisiert, denke ich bei mir.

Und dann dieser ganze Blödsinn zu sagen, es gebe diese Krankheit nicht. Welch ein Schlag ins Gesicht von Menschen, die um ihre geliebten Toten trauern. Ein Kauderwelsch von Freiheitsforderungen, Verschwörungstheorien und was sonst noch alles…

Ich komme mir gerade so alt vor wie meine eigene Urgroßmutter. Wir sind jedenfalls dieses Jahr bisher nicht weggefahren, und das empfand ich als äußerst angenehm. Die Jahreszeiten hier sind auch sehr schön. Ich verpasse nichts. Lasse dem Leben seinen Lauf und weiß: Auch das geht vorüber und wird sich wieder verändern. Dank der digitalen Möglichkeiten bin ich mit Menschen verbunden, die Tausende von Kilometern entfernt sind und aktiviere weitere nützliche Fähigkeiten, mit denen ich andere und anderes dabei unterstützen kann, ein besseres Leben zu führen. Das macht mir Freude! In diesem Zusammenhang fühle ich mich jung.

 

 

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