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Diffuses Wetter nach Neumond

Gestern war Neumond. Das Wetter ist diffus. Irgendwie drückend hier in Hamburg. Seit Wochen arbeite ich mich durch Dinge meiner verstorbenen Eltern durch und schaffe es endlich, einige Papiere zu schreddern. Ein von mir und einer Nachbarin auseinandergenomener Schrank wurde heute vom Sperrmüll abgeholt.

Die medizinischen Unterlagen meiner Eltern haben mir zu schaffen gemacht. Wie viele Untersuchungen? Wie viele Medikamente? Wie viel Leiden. Und ich frage mich: Hat das alles etwas genutzt? Ist der über solche Methoden erreichte Zugewinn an Lebenszeit wirklich erstrebenswert?

Ich habe durch die Papiere einiges Neue über meine Eltern erfahren. Manches hat mich erschüttert und sehr berührt.  Wie vieles wissen wir nicht über unsere Nächsten? Über unsere Eltern? Meine haben ihre Privatsphäre gut gewahrt.

In welche Richtung geht unsere Schulmedizin?

Wann ist es gerechtfertigt, in natürliche Abläufe einzugreifen? Müssen so viele Menschen in Krankenhäusern sterben? Müssen wir alles tun, was Ärzte für richtig halten? Lebensverlängerung um jeden Preis. Wo bleibt der Blick auf die Lebensqualität?

Ich lasse diese Fragen im Raum stehen. Aber ich bin der Auffassung, dass jeder Mensch diese Fragen für sich beantworten dürfen sollte. Die Antworten mögen sich durchaus ändern im Laufe eines Lebens. Kann ein Mensch sich diese Fragen überhaupt noch aus sich selbst heraus beantworten, wenn bestimmte Meinungen in einer Gesellschaft wie der unseren ständig wiederholt werden? Als wenn es so sein muss, wie gesagt wird.

Sind wir überhaupt noch frei genug, ohne diese gesellschaftlich gestanzten Schablonen – ob Pro oder Kontra – zu eigenen Ergebnissen zu kommen?

Abstrakte Fragen. Vielleicht. Aber: Wie war das Leben ohne Fernzusehen? Ohne Datenträger mit aufgezeichneter Musik? Ohne Vorsorgeuntersuchungen? Das ist noch gar nicht so lange her. Anders war das Leben, so anders.

Ich will es nicht werten, möchte nur anmerken, dass uns nicht nur die Artenvielfalt zunehmend verloren geht, sondern auch vielleicht ein wenig die direkte Wahrnehmung unseres Lebens.

Gibt es Alternativen? Ich glaube und hoffe „Ja“ ohne es heute weiter vertiefen zu wollen.

Ein diffuser Post. So diffus wie das Wetter. Auch das darf sein. Nach einem kleinen Sommerregen mittags war die Luft hier angenehm erfrischend. Es war schön einzuatmen. Ich hatte meinen Regenschirm vergessen. Stand mit einer Bekannten unter einem Baum. Wir redeten, während es regnete. Wie lange habe ich nicht mehr schutzsuchend unter einem Baum gestanden und mich mit jemandem unterhalten? Mit Abstand und Masken. Es gibt doch Regenschirme. Es war schön. So schön wie in meiner Jugend.

 

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