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Aprilwetter im März


Nun ist es also amtlich: Kontaktverbot! Aber zumindest keine Ausgangssperre in dem Sinne, dass man nicht mehr spazieren gehen darf. Für mich ändert sich kaum etwas, da ich schon länger so lebe. Der einzige, der mir nahe kommen darf, ist mein Mann.

Langsam versteht es die Mehrzahl der Menschen. Ich wundere mich mal wieder, wie lange das dauert… Ich fühle mich bei einem körperlichen Abstand von mindestens zwei Metern wohl. Ich springe zur Seite draußen, auch mal auf den Rasen, wenn es nicht anders geht, fordere in Geschäften den Abstand ein, begegne statt der abfälligen Blicke jetzt öfter verständnisvollen. Dennoch frage ich mich: Wieso muss ich so oft aus dem Weg gehen? Nun Ja, ich mache es lieber, als Recht zu behalten und angesteckt zu werden.

Ich gewöhne mich an eine neue Routine. Morgens ein langer Elbspaziergang. Sonne und kühle, klare Luft. Ich genieße das Atmen bewusster als vorher. Die Stille auf den Wegen gefällt mir. Alles scheint ein wenig klarer draußen, irgendwie unbehelligter – durch uns. Es ist, als wenn die Natur aufatmet. Endlich mal Ruhe vor uns Störenfrieden…

Gestern erlebte ich einen sehr kommunikativen Tag. Unsere digitalen Strukturen sind in diesen Zeiten äußerst praktisch. Ich verschickte Nachrichten an mir nahe und ferne Menschen, Sprachnachrichten und Textnachrichten, erhielt Lieder, Bilder, Videos… Wir Menschen sind wirklich kreativ. Um 21 Uhr stellte ich mit vielen anderen Kerzen ins Fenster und betete. Danach überfiel mich geradezu Albernheit, die ich digital teilte. Hat Spaß gemacht. Herzenskontakt statt Körperkontakt. Auf den Spaziergängen lächele ich Menschen an. Jeder von uns kann jetzt ein Lächeln gebrauchen. Ich bin gut vernetzt, bemerke ich.

Es ist so interessant, wie unterschiedlich wir Menschen uns äußern. Die einen sehen ihre Verschwörungstheorien bestätigt; es war ihnen schon lange klar, dass so etwas passieren musste. Andere empfinden Mitgefühl und stärken das Miteinander auf viele erdenkliche Arten. Wiederum andere versenden einfach liebevolle Botschaften. Einige reagieren wütend oder zynisch; sie waren schon vorher von so vielem enttäuscht, dass diese Situation ein Ventil für aufgestaute Gefühle ist.

Aprilwetter im März. Nicht nur draußen, sondern auch drinnen – in uns.

Wenn wir die Gefühle nicht unterdrücken, kommen und gehen sie, bewegen sich wie Wasser mal hierhin, mal dahin, verändern ihre Formen. Regen geht ins Meer über, verdunstet, steigt auf. Grundwasser bahnt sich seine Wege durch das Erdreich, um irgendwo als Quelle aufzutauchen. Geysire sprühen mit ungeheurer Wucht. Wasser vereist, taut, überwindet alle Hindernisse. Schenkt Leben, macht fruchtbar, unterscheidet die Erde von vielen anderen Planeten. Unser schöner blaugrüner Planet, auf dem von oben betrachtet immer mehr Trockenzonen sichtbar werden. Diese Aufzählung ließe sich lange fortsetzen…

Im April wechselt das Wetter oft sehr rasch. So ist es mit unseren Gefühlen auch. Es tötet uns in den seltensten Momenten, Gefühle zuzulassen und zu spüren. Auch ihnen Ausdruck zu verleihen auf vielerlei Weise, darf sein. Die Grenze befindet sich eindeutig und klar erkennbar da, wo wir anderen wirklich Schaden zufügen würden. Wenn sich Menschen daran stören, dass beispielsweise  ich zwei Meter Abstand brauche oder dies oder jenes sage oder mitteile, dürfen sie das genauso tun wie ich mich äußern darf. Das gehört zum lebendigen Miteinander dazu. Wir sind eben und Gott sei Dank nicht einer Meinung.

Eine Empfehlung an diesem sonnigen Montag: Gefühle unterdrücken kann krank machen, Gefühle spüren gesund. Also lassen Sie doch einfach Ihre Gefühle zu! Auf Sonne folgt Regen… Gefühle sind Gefühle sind Gefühle…

 

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